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19. Dezember 2011

Dieser Artikel wurde am
19. Dezember 2011 von Michael Kubis veröffentlicht.

Indien - Berufsausbildung für Waisen

„Diese Schule ist mein Zuhause! Diese Schule ist mein Leben!“ Es ist einen Tag her, dass wir im Waisenheim „Springs of Life“, in der Nähe von Kolkata das Weihnachtsfest 2011 gefeiert haben. Mit einem großen Stern aus Bambus, überzogen mit roter Folie und beleuchtet mit einer Lichterkette. Es war ein schönes Fest zum Jahresausklang und es war, trotz allem, aber auch traurig. Schon heute fahren viele der Kinder, die noch irgendeine Familie – Onkel, Tante, Großeltern – haben, nach Hause, um die Weihnachtsferien dort zu verbringen.

Die Kinder sind sehr aufgeregt und freuen sich auf ihren Besuch zu Hause. Viele waren vor einem Jahr das letzte Mal dort. Sie sind voller Erwartungen und auch Unsicherheit. Was wird sie dort erwarten? Werden sie freundlich empfangen, oder als Last empfunden? Sie haben schon verschiedene Erfahrungen gemacht. Also drücken sie ihre Freunde und ihre Lehrer noch mal ganz fest und dann geht’s los.
Nicht alle unserer Schützlinge haben diese Möglichkeit. So stehe ich heute nicht alleine am Tor unserer Schule und winke dem vollbesetzten Bus hinterher, der zum nächsten Bahnhof fährt. Neben mir steht mein junger Freund Raju Biswas (17), der dem Bus sehr wehmütig hinterher sieht. Ich lege meinen Arm um ihn und frage: „ Raju, wann fährst du denn nach Hause?“
Seine Antwort lautet: „Wo soll ich hin? Diese Schule ist mein Zuhause… diese Schule ist mein Leben.“
Und er erzählt weiter: „Ich komme aus Bidhan Nagr, einem Vorort von Howrah in der Nähe von Kolkata. Zunächst ging es uns ganz gut. Mit meine Eltern lebte ich in einer kleinen Wohnung. Sie waren beide sehr beschäftigt. Vor allem meinen Vater sah ich selten, weil er für eine große Firma arbeitete und dabei viel auf Reisen war. Umso mehr freuten wir uns, ihn wieder zu sehen, wenn er zurück kam.
Aber als ich sechs Jahre alt war, kam er eines Tages nicht zurück. Zuerst warteten wir tagelang auf seine Rückkehr, dann versuchten wir über seine Firma herauszufinden wo er ist und schließlich haben wir auch die Polizei zu Hilfe gerufen. Doch keiner konnte uns sagen wo er ist, oder was passiert ist. Mein Vater war einfach verschwunden. „Er wird wohl einen Unfall gehabt haben, oder ist vielleicht überfallen worden, oder er ist einfach abgehauen.“ sagten uns die Behörden. Für meine Mutter und  mich war das ein schrecklicher Schock. Mein Vater war einfach von einem Tag auf den anderen weg. Und damit auch unser Familieneinkommen. Weil nicht klar war, was passiert ist, gab es weder von der Firma für die mein Vater arbeitete, noch vom Staat Geld. Da war ich also mit meiner Mutter, zuerst noch in der Wohnung, ohne Geld, aber schon bald auf der Straße.
Meine Mutter versuchte verzweifelt eine Arbeit als Hausdienerin oder Köchin zu finden aber sie bekam immer die gleiche Antwort: „Dich können wir gebrauchen, aber ein Kind wollen wir hier nicht!“ Als wir wirklich nichts mehr zu Essen hatten und auf der Straße schliefen kam meine Tante und sagte sie habe von diesem gut geführten Waisenheim gehört, in dem die Kinder gut behandelt werden  und alles bekommen, inklusive Schulausbildung.  So kamen wir zu Springs of Life und meine Mutter mochte diese Schule auf Anhieb. Es war sauber, ordentlich und alle Menschen waren freundlich zu uns. Es brach meiner Mutter das Herz als sie mich dort zurück lassen mußte. Sie sagte zu mir: „Ich werde dich sehr vermissen, aber diese Menschen scheinen gut zu sein. Sie werden sich gut um dich kümmern und du mußt alles lernen was sie dir beibringen, damit du später ein gutes Leben hast.“  
Inzwischen lebe ich seit elf Jahren hier. Ich vermisse meine Mutter immer wieder, gerade an diesen Tagen, wo viele ihre Familien besuchen. Aber diese Schule ist zu meinem Zuhause geworden. Ich habe hier viele Freunde, ich bin hier sicher, habe hier meinen Platz und meine Aufgabe.
Weil ich mich für das Herumbasteln an Ventilatoren und Lüftern interessiere, bin ich seit einiger Zeit im Schul-Elektrik-Team. So gut wie jeden Ventilator an der Schule habe ich inzwischen mindestens einmal auseinander- und wieder zusammengebaut. Und bisher noch alle wieder zum Laufen gebracht. Mit Geldern von ADRA Österreich und dem Land Steiermark bauen wir gerade an unserem Werkstätten für weitere Berufsausbildung. An allen elektrischen Arbeiten an diesem Gebäude bin ich ebenfalls beteiligt und ich lerne viel dabei. Wenn die Bauarbeiten fertiggestellt sind, möchte ich dort gerne lernen, ein richtiger Elektroinstallateur zu sein und wie ich mich damit selbständig machen kann.
Ich freue mich sehr über die Möglichkeiten, die mir Springs of Life und ADRA Österreich geben. Ich werde fleißig lernen damit ich der Schule helfen und auch bald ein eigenes Leben führen kann.“
Die Geschichte von Raju hat mich sehr berührt. Ich bin froh, dass ich ihn in den Arm nehmen konnte und dass wir dieses Weihnachten gemeinsam feiern werden. Als eine große Familie namens „Springs of Life“.
Vielen Dank an alle Spender an ADRA, die dies ermöglicht haben.

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Human Interest Story über Raju Biswas, 17 im Waisenheim Springs of Life/Kolkata/India.
Geschrieben von Michael Kubis, überarbeitet von Patrick Tichy.
19.12.2011
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Sie können Raju und seine Freunde im Heim mit Ihrer Spende direkt unterstützen:

ADRA Österreich, PSK 1.300.400 BLZ 60.000 Verwendungszweck "Living Future"