Die Last des Wartens

Bild Nr. 1 zur Meldung 262

Artikel geschrieben von Michelle L. Oetman, Koordinatorin für Kommunikation ADRA International, zurzeit vor Ort in Haiti.


Es ist mir früher auch schon passiert. Und ich bin sicher, Ihnen auch. Und Mann oh Mann, wir HASSEN es. Das Warten in der Arztpraxis.
Nachdem ich kürzlich lange beim Arzt gewartet hatte, war ich endlich im Sprechzimmer, als sein Handy klingelte. Er antwortete, verließ den Raum, und kam für 45 Minuten nicht wieder zurück! Dieses Warten schien ganz ohne Zweifel nicht tolerierbar und unpassend … bis heute.

Heute stand ich gemeinsam mit Luciane in der Schlange vor einer Klinik. Sie wartet und trägt ihren 7 Monate alten Sohn auf dem Arm, wie es Mütter eben so tun. Ihre 5 jährige Tochter, die an ihrem Rocksaum hängt, spielt mit der Handtasche, die über ihrer kleinen Schulter hängt. Beide Kinder hatten die letzten drei Tage Fieber. Und während drei Tagen trug Luciane die Last der Sorgen, da sie nicht wusste, an wen sie sich wenden könne.


Aber bekommen Sie mit was hier nicht normal ist? Es ist eine längere Liste. Ich sagte „wir standen“ in einer „Schlange“. Erste Hilfe war nicht auffindbar. 25 Meter Schlange vor uns, hinter uns, und neben uns. Ich hab noch nie einen Arztbesuch wie diesen erlebt.

Luciane ist eine von beinahe 15.000 Menschen, die auf dem Gelände der Adventistischen Universität von Haiti in Carrefour Zuflucht gesucht haben. Überlebende des Erdbebens, die ihr Heim verloren haben oder Angst haben, es zu betreten, hatten sofort den offenen Platz rund um die Universität überflutet, errichteten kleine Unterkünfte aus Planen und Decken. Sofort kam ADRA hierher und verteilte Nahrungsmittel und hatte innert weniger Stunden ein System installiert, das Trinkwasser lieferte. Luciane ist hier seit dem ersten Tag.
Dennoch … seit dem Erdbeben absorbierten die schwer verletzten alle medizinischen Kapazitäten, es gab keine Versorgung mehr für normale Krankheiten. Daher errichtete ADRA gemeinsam mit GlobalMedic ein aufblasbares Feldlazarett im Camp um genau dies anzubieten. Unsere Klinik antwortet auf eine dringende Not. Seit die Klinik eröffnet wurde, steht eine lange Schlange hoffnungsvoll wartender Patienten vor dem Eingang. Heute sind Luciane und ich darunter.

Trotz des türkisen Mickymaus Schirms, den sie trägt, brennt die Sonne unbarmherzig auf uns nieder. Sie muss stundenlang warten, nicht nur Minuten. Ich empfand die Hitze unerträglich und die lange Schlange vor uns entmutigend, aber dankbar, als endlich die medizinische Hilfe vor uns ist. Luciane wartet ruhig und geduldig.

Während ich mit ihr in der heissen Sonne warte, erinnere ich mich an meinen Arztbesuch vor kurzer Zeit und den riesigen Kontrast zu ihrem Besuch heute. Ich war zur Praxis gefahren. Ich hatte nur 45 Minuten gewartet, in einem bequemen Sessel und in einem klimatisierten Raum. Es erschien mir nicht länger wert, dies zu erwähnen, oder gar mich darüber zu beschweren.

Aber die Last auf Lucianes Schultern ist so viel schwerer. „Mein Herz ist gebrochen“, erzählte sie mir, die Bilder der letzten Wochen werden persönlich. Ihr Haus ist zerstört, beißende Insekten lassen sie nachts kaum schlafen, und sie fürchtet sich davor, dass ihr die Nahrung und Windeln für die Kinder ausgehen. Sie selbst hatte heute noch nichts gegessen.

Ihr Haus mit vier Schlafzimmern, das einst 2 km von hier entfernt stand, steht nun nicht mehr. „Zuhause“ ist zu einem trockenen Flecken Gras geworden, darauf eine Plane gespannt, die Schutz bieten soll. „Ich vermisse all die Dinge von Zuhause,“ gibt sie zu. Aber ein neues Zuhause wird noch lange auf sich warten lassen. So wartet sie.

Zu alledem hat ihr Ehemann seine Arbeit verloren. Das Gebäude, wo er arbeitete, ist flach wie ein Pfannkuchen, wie der größte Teil der Stadt. Es wird lange dauern, bis alles wieder aufgebaut ist. Und so wartet sie.

Hier im Camp, nur wenige Tage seit dem Horror des Erdbebens, scheint Hoffnung schwer zu finden zu sein.

Aber für viele Familien, wie der Lucianes, wird es wieder Hoffnung geben, denn viele der ADRA Spender warteten nicht, als sie vom Erdbeben in Haiti hörten. Sie reagierten augenblicklich mit Nächstenliebe – und Hilfe war unterwegs – sofort!
Familien wie die Lucianes erhalten täglich Hilfe durch Sie, die großzügig für die Menschen in Haiti gegeben haben. Wir als ADRA Team möchten Ihnen ganz herzlich dafür danken, dass sie die Last auf den Schultern der Betroffenen in Haiti leichter gemacht haben.

Aber als ich mir Port-au-Prince anschaue, das sehr an eine bombardierte Stadt erinnert, sehe ich schnell, das noch viel viel mehr getan werden muss, um die Menschen und die Stadt wieder aufzubauen.

Sie können helfen! Um den Menschen in Haiti wieder Mut zu machen, können Sie heute etwas beitragen. Danke, dass Sie bereits beigetragen haben - so schnell!

Mehr Informationen zu diesem Projekt gibt es [auf der Projektseite].

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