Kein Danke ist schöner als ein klebriger Eiscreme-Kuss

Bild Nr. 1 zur Meldung 264

PORT-AU-PRINCE, Haiti—Es war der letzte Ort, an dem ich ein Kind erwartet hätte, das meinen Namen ruft. Aber als ich mich umdrehe, sehe ich meine neunjährige Freundin Mala, die den staubigen Pfad zu mir hinaufrennt. Ich war gerade dabei, die Mitte eines Camps in Carrefour, einem Stadtviertel von Port-au-Prince zu durchqueren. Jede Nacht ist dieses Camp zu Hause für etwa 15‘000 Menschen, auch für Mala. Ich hatte sie vor ein paar Tagen kennengelernt, als sie Wasser holte, aber war doch überrascht, dass sie mich wiedererkannte und sich an meinen Namen erinnerte. Ihre Mutter hatte sie zum kleinen Lebensmittelladen geschickt. Aber wie so viele Aktivitäten, die mit Kindern zu tun haben, war sie unterbrochen worden um … nun ja … auf Toilette zu gehen. Diese Unterbrechung war Ursache, warum sich unsere Pfade kreuzten.

Ich war gerade hierhergekommen, um die Latrinen und Duschstationen zu inspizieren, die ADRA im Camp aufgestellt hatte, als ich Mala rufen hörte. Mala ist clever, ein bisschen altklug und albern, wie viele in ihrem Alter. Verblüffend ist, dass sie so ist trotz allem, was sie in letzter Zeit erlebt hat.
Das gleiche könnte man über eine Grossmutter sagen, die ich nur Momente vorher in einer anderen Zone des Camps getroffen habe. Sie lebt mit 10 Familienmitgliedern im Camp. Sie sind hier seit dem 12. Januar, kurz nach dem Erdbeben.
Wenn Katastrophen eintreffen und Menschen alles verlieren, werden verschiedene Bedürfnisse gleichzeitig zentral. Zuerst Wasser, aber dann Nahrung und Unterkunft. Nachdem diese Bedürfnisse zuerst abgedeckt wurden, ging ADRA einen Schritt weiter und kümmerte sich um die Hygiene im Camp. Dazu gehörte der Aufbau von 12 Duschhäusern und 50 Toiletten. 10 weitere Toiletten sind fast fertig, und noch mindestens 40 weitere werden benötigt.
Bevor sie gebaut waren, mussten die Menschen Plumpsklos aufsuchen. Die Großmutter, mit der ich sprach, sagte: „Wir haben diese Umstände einfach akzeptiert, aber es war hart, besonders nachts. Die Kinder weinten, wenn sie zu den weit entfernten Plumpsklos laufen mussten, hatten Angst vor der Dunkelheit.“ Aber nun haben Großmutter und ihre Familie 10 Toiletten in ihrer Zone. „Die sind ganz wunderbar. Ihr habt da etwas Schönes gemacht,“ erzählt sie mir. „Ich bin sehr glücklich darüber.“ Sie und ihre Nachbarn haben ADRA beim Bau geholfen. „Mein Beitrag war, die Bauarbeiter zu bekochen,“ fügt sie mit mütterlichem Lächeln hinzu. Als die Toiletten fertig waren, wurden die, die in der Zone lebten, von ADRA unterwiesen, wie sie sie reinigen sollten, und wie sie auch sonst gesund bleiben können.
Großmutter hat vor, noch eine ganze Zeit hier zu bleiben. Vor ihrem Haus, sagt sie, ist ein riesiger Riss im Boden vom Erdbeben. Und das Haus ihrer Nachbarn fiel auf ihres, so dass es halb zusammenbrach. Sie ist dankbar, dass alle von ihrer Familie überlebt haben, nur ein Sohn hat eine Verletzung am Bein.
Als ich heute mit Mala zusammenstieß, nahm ich mir die Zeit, um sie nach Ihrer Geschichte des Überlebens zu fragen. Ich erfuhr, dass es auch eine Geschichte ist, für die sie dankbar sein kann. Gemeinsam mit ihrer Mutter, Vater und kleinen Cousine, waren sie zu Hause, als der Boden bebte. Ihr Haus blieb stehen, aber mit tiefen Rissen. Als das zweite, schwächere Erdbeben Tage später folgte, waren sie nicht zu Hause, aber als sie zurückkamen, fanden sie ihr Haus in Trümmern. So ist nun dieses Camp das Zuhause von Mala und ihrer Familie geworden. Mala ist glücklich hier, dankbar, dass ihre Familie in Sicherheit ist. Wenn es einen Schatten von Trauer in Malas funkelnden Augen gibt, dann taucht er auf, wenn sie von ihrem 10 Jahre alten Cousin und ihrer Tante erzählt, die nicht überlebten, als eine Wand über ihnen zusammenbrach.
Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, erinnerte ich mich plötzlich, warum ich mit ihre zusammengestoßen war hier bei den Toiletten, und ich fühlte mich schlecht, weil ich sie aufgehalten hatte! Ich gab ihr eine schnelle Umarmung und sagte ihr, wie stolz ich auf ihre Tapferkeit bin und dankbar, dass sie nun in Sicherheit ist. Dann drehte sie um und sprang einige Meter über den Rasen, und verschwand in einer Toilette.
Als ich den steilen Pfad zur nächsten Toilettenanlage hinauflaufe, begegne ich einem unternehmerischen Campbewohner. Er öffnet eine riesige Kühltasche, und unter einem dicken Stapel Packpapier tauchen mehrere Reihen schön sortierter Eiscreme-Stengel auf. Überrascht, Eiscreme an einem Ort wie diesem zu finden, wo es so gar keinen Luxus gibt, beschlossen meine Kollegin und ich schnell, sein Geschäft zu unterstützen, kauften zwei Portionen, und gingen weiter.
Als wir in der nächsten Zone des Camps ankommen, taucht auch Mala wieder auf. Ganz schwindlig vor Freude, mich hier wieder zu sehen, stellt sie mich ihrer Freundin vor. Auf einmal ist die Freude über die Eiscreme viel geringer als die Freude, sie mit ihnen zu teilen. Schnell sind ihre Lippen von den cremigen Überresten verschmiert.
Während sie am essen ist, beginnt Mala mir ihre Fragen zu stellen. Se möchte wissen, wo ich wohne, und ich zeige in die Richtung. Dann erzähle ich ihr, dass ich für ADRA arbeite. „Die, die die Toiletten hier aufgestellt haben,“ erkläre ich ihr, und zeige auf das Logo auf meinem T-Shirt. Jetzt hat sie verstanden.
Während all meiner Jahre unterwegs mit ADRA, hab ich viele verschiedene Arten erlebt, wie Menschen ADRA und ihren Spendern Danke sagen. Ich habe „Danke“ in vielen Sprachen gehört, viele persönliche Erinnerungen erhalten, Liedern zugehört, und Tänzen zugeschaut, die sie aufführten. Aber heute war es vielleicht die süßeste von allen. Jetzt, da Mala wusste, wo ich wohne, und für wen ich arbeite, und was wir getan hatten, war ihre “Mwen anvi bo-w.” Als meine Übersetzerin mir das ins Englische übersetzte, gehorchte ich schnell, bückte mich, und erhielt einen klebrigen Eiscreme-Stempel-Kuss als Dankeschön auf meine Wange.
Wenn Menschen von einer Katastrophe erfahren, sind sie oft großzügig. Sie möchten spenden für Wasser, Decken, Nahrung, Unterkünfte für die, die gar nichts mehr haben. Aber selten schaut sich jemand einen Fernsehbericht an und sagt, „Mensch, ich wünschte mir, ich könnte ihnen eine Toilette schicken!“ Aber stellen Sie sich vor, sie müssten ohne leben. Plötzlich würde das fast so wichtig werden wie alle anderen Bedürfnisse.
Heute sind die Überlebenden des Erdbebens in Haiti dankbar für all die großzügigen Hilfsgüter, die zu ihnen gesendet wurden. Viele überleben dank der Nahrung, des Wassers und anderer Hilfe, die sie erhalten haben. Dann gibt es da andere, wie die kleine Mala, die, wenn sie könnten, auch Ihnen einen klebrigen Eiscreme Kuss schicken würden, um danke zu sagen für einfache Dinge wie dafür, dass ADRA ihnen einen Platz eingerichtet hat für … hmmm… ja … wenn man eben mal muss.
Autor: Michelle L. Oetman, Koordinatorin für Kommunikation für ADRA International, vor Ort in Haiti.
 

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