Marcel Wagner berichtet von der Weihnachtspaketverteilung in Albanien: Für den ersten Besuch fahren wir nach Durres, einer Kleinstadt an der adriatischen Küste. Das Heim ist inmitten einer Wohnsiedlung. Auf der einen Seite umgeben von Wohnblöcken aus der kommunistischen Zeit, auf der anderen Seite von doppelt so hohen Neubauten. Die Sonne schafft es im Winter kaum mehr, das Heim zu erreichen. Es ist eines von 6 staatlichen Heimen in Albanien für Kinder mit physischen und psychischen Krankheiten. Das Heim ist sauber und gut geführt. Neben den vollamtlichen Betreuerinnen helfen ehrenamtliche Mitarbeiter, die 34 Kinder zu versorgen und sich mit ihnen zu beschäftigen, erzählt uns der Leiter am Eingang. Dann führt er uns ins größere der beiden Häuser auf dem Grundstück und zeigt uns die Bastelarbeiten der Kinder. Ein Teil der Bastelarbeiten besteht aus Recyclingmaterial.


Während wir uns noch im Erdgeschoss unterhalten, werden die Kinder immer lauter im ersten Stock. Sie haben uns bereits gesehen und sind ausgelassen und laut. Ihre Freude, Besuch zu bekommen, ist offensichtlich. Dann ein erster Augenkontakt, ein Lächeln und schon werde ich umarmt, geküsst, am Ärmel gezerrt, muss dem einen Kind folgen, das mir sein neues Bett zeigen will. Ein anderes Kind will, dass ich ein Foto mache. Die Kinder sind übermütig und springen umher und tun als ob wir einander schon lange kennen. Keine Berührungsängste, einfach nur Freunde sein. Sie bestätigen mit ihrem Ausdruck, was der Betreuer eingangs gesagt hat: Von den 34 Kindern bekommen nur noch 10 von ihren Eltern Besuch.

Das Verlangen nach Zuwendung, Aufmerksamkeit und Liebe ist enorm.

Es ist eine Welt für sich. Gerade kommen mir ein paar statistische Zahlen in den Sinn von einem Seminar der Stadt Wien, das ich vor ein paar Tagen besucht habe, wo es um Inklusion von behinderten Menschen ging. Rund eine Milliarde Menschen auf dieser Welt leben mit einer Behinderung. Wo sind all diese Menschen, dachte ich. Sie sind so abgeschottet vom Rest der Gesellschaft, dass sie kaum mehr sichtbar und erreichbar sind. Sie sind hier in einem Heim, wo sie ihr Dasein fristen.

Dann werden die Pakete verteilt; nicht jedes Kind kann mit der Kartonbox sofort etwas anfangen. Ein Teil der Kinder ist überfordert damit, weil sie die Box nicht öffnen können. Doch dann helfen die Betreuerinnen und es öffnet sich ein Paket nach dem anderen. Es scheint mir, dass die Kinder mehr Freude haben an uns als an dem Inhalt des Pakets. Wahrscheinlich wird der Inhalt des Pakets erst dann interessant, wenn wir wieder gegangen sind.

Der Heimleiter hat Musik organisiert. In Albanien ist sie laut und rhythmisch. Die Kinder genauso wie die Erwachsenen lieben es zu tanzen und miteinander eine gute Zeit zu erleben. Für mich ist das Weihnachten feiern in diesem Rahmen etwas ungewohnt, trotzdem freue ich mich mit den Kindern und genieße den Anblick so vieler strahlenden Gesichter.