Zum 6. Februar 2021: ADRA Österreich unterstützt die UN-Resolution „Null Toleranz für weibliche Genitalverstümmelung“ und fördert den Tag, um das Bewusstsein für konkrete Maßnahmen gegen FGM zu stärken. 

Am 20. Dezember 2012 hat die UN-Generalversammlung eine Resolution verabschiedet, in der sie „die Staaten, das System der Vereinten Nationen, die Zivilgesellschaft und alle Beteiligten auf(ruft), den 6. Februar weiterhin als Internationalen Tag der Nulltoleranz für weibliche Genitalverstümmelung zu begehen und den Tag zu nutzen, um das Bewusstsein zu stärken und konkrete Maßnahmen gegen weibliche Genitalverstümmelungen zu ergreifen.“ (1) 

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) umfasst alle Eingriffe, bei denen die weiblichen Genitalien aus nicht-medizinischen Gründen verändert oder verletzt werden, und ist international als Verletzung der Menschenrechte von Mädchen und Frauen anerkannt. Sie spiegelt die tief verwurzelte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wider und stellt eine extreme Form der Diskriminierung von Frauen und Mädchen dar. Die Praxis verletzt auch ihre Rechte auf Gesundheit, Sicherheit und körperliche Unversehrtheit, ihr Recht, frei von Folter und grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung zu sein, und ihr Recht auf Leben, wenn der Eingriff zum Tod führt.

Genitalverstümmelung: Ein globales & traumatisierendes Phänomen 

Alle 11 Sekunden wird ein Mädchen durch das sogenannte Ritual der weiblichen Genitalbeschneidung verstümmelt. 8.000 kleine Mädchen teilen dieses Schicksal jeden Tag. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es weltweit rund 150 Millionen verstümmelte Frauen und Mädchen. FGM kommt nicht nur in den Ländern Afrikas vor, sondern auch dort, wo sie eigentlich verboten ist. 

Obwohl hauptsächlich in 29 Ländern Afrikas und des Nahen Ostens verbreitet, ist FGM ein universelles Problem und wird auch in einigen Ländern Asiens und Lateinamerikas praktiziert. FGM wird weiterhin unter Einwanderern in Westeuropa, Nordamerika, Australien und Neuseeland praktiziert.

Betroffene von FGM in Europa

Das UNHCR (Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen) schätzt, dass über 600.000 Frauen in Europa mit den Folgen von FGM leben und weitere 180.000 Mädchen und Frauen in 13 europäischen Ländern von der schädlichen Praxis bedroht sind. Allein in Deutschland leben etwa 50.000 Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung! 

Darüber hinaus schätzt das UNHCR, dass seit fünf Jahren jedes Jahr mindestens 20.000 Frauen und Mädchen, die als Asylsuchende nach Europa kommen, von FGM betroffen sein könnten.

Die Frauen sind tief traumatisiert. Die Schrecken, die sie erlebt haben, wirken sich nachhaltig auf ihr weiteres Leben aus. Entzündungen im Genitalbereich, Inkontinenz, Fistelprobleme, die daraus resultierende gesellschaftliche Isolation, ein unerträgliches Schamgefühl und sogar der Tod sind meist die Folgen. 

Weltweit gibt es zahlreiche Organisationen und Verbände, die gegen dieses Phänomen kämpfen. In Europa gibt es insbesondere das End FGM European Network – ein europäisches Dachnetzwerk von 30 Organisationen, die sich für eine nachhaltige europäische Aktion zur Beendigung der weiblichen Genitalverstümmelung einsetzen.

In Zusammenarbeit mit einer Stiftung, die von einem ehemaligen Supermodel, Waris Dirie, gegründet wurde, hat das Krankenhaus Waldfriede der Siebenten-Tags-Adventisten in Berlin Maßnahmen ergriffen und ein neues Zentrum eröffnet, um Opfern von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) zu helfen. 

Das Krankenhaus Waldfriede eröffnete in Zusammenarbeit mit der in Wien ansässigen „Desert Flower Foundation“, die 2002 von dem somalischen Model Waris Dirie ins Leben gerufen wurde, am 11. September 2013 das Desert Flower Center, das betroffene Frauen ganzheitlich behandelt.

So kannst du mit ADRA Mädchen unterstützen

ADRA Österreich unterstützt seit einigen Jahren Mädchen und junge Frauen vom Volksstamm der Massai in Kenia, die aus Angst vor Genitalverstümmelung und Zwangsheirat von zu Hause geflohen sind. Mit Hilfe eurer Spenden können wir einigen Mädchen den Schulbesuch sowie den Aufenthalt in einem Internat oder bei Gastfamilien ermöglichen. Die Mädchen werden psychosozial betreut. Wo möglich, werden Brücken gesucht, um wieder einen positiven Kontakt zu ihren Familien aufzubauen. Es werden alternative Riten beworben, mit denen das Mädchen zur Frau wird. Die Mädchen können einen wichtigen Einfluss in ihren Dörfern und Familien ausüben, um die Tradition der Beschneidung zu beenden.

Die Geschichte von Eunice

Evelyn Brende mit zwei Graduierten

„Meine Reise, meine harte Reise sollte ich sagen, begann, als ich geschätzte 14 Jahre alt war. In meiner Massai-Kultur werden wir während der Regen-, Ernte- oder Trockenzeit geboren. Mein Geburtstag ist eine Schätzung, und so auch mein Alter.

Ich wuchs in einer kleinen Familie auf, die von Liebe und Gemeinschaft geprägt war. Meine Mutter hat immer gekocht, und wir Mädchen wurden dazu erzogen, unsere Kultur und Tradition zu respektieren, wie es unsere Mütter und Großeltern taten.

Das Leben bot nichts weiter als Feuerholz sammeln, kochen, die Tiere versorgen und dafür sorgen, dass ich meine Bücher lese. Lesen war eine Sache, die ich sehr schätzte, weil ich besser sein wollte als meine Cousins oder Verwandten, die FGM und später frühe Heirat erlebten.

In meiner Massai-Kultur konnte ein Mädchen nach der Beschneidung mit einem Mann verheiratet werden, der noch älter war als ihr Vater, egal wie alt sie ist. Das wollte ich nicht zulassen, auch wenn ich wusste, dass ich damit in Konflikt mit meiner Familie geraten würde.

Als junges Mädchen war ich damit konfrontiert, eine Ausgestoßene zu sein, wenn ich mich dem Plan der frühen Heirat entzog, aber ich tat es. Ich entkam einer frühen Heirat und besuchte zunächst 8 Jahre lang die Grundschule. Ich sah kaum meine geliebte Familie und mein Vater war sehr wütend auf mich, da er viele Angebote von älteren Männern hatte, die mich heiraten wollten.

Ich blieb in dieser Zeit im Kajiado Rescue Center, bis ich meine 8 Jahre Grundschule abgeschlossen hatte und später eine 4-jährige Ausbildung absolvierte. Danach qualifizierte ich mich für ein 4-jähriges Highschool-Stipendienprogramm der Equity Bank. Ich absolvierte mein Diplomstudium an der Thika School of Medicine, wo ich meinen Abschluss mit einem Abschluss in Labormedizin machte. 

Mein Vater war sehr stolz auf mich, als er sah, wie ich meinen Abschluss machte, und viele Dorfbewohner kamen zu meiner Abschlussfeier.

Es braucht ein Mädchen, um das Denken einer Dorfgemeinschaft zu verändern. Es braucht Geduld, um die Mentalität unserer Väter, Onkel und Großväter zu ändern. Ich kann meinen Vater, meinen Onkel, meinen Großvater und andere Familienmitglieder besuchen, weil wir Brücken gebaut haben, keine Mauern.

Meine Eltern sind damit aufgewachsen, dass sie nur die Heirat von Mädchen nach weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) kennen. Aber wir wollen nicht als Opfer dieser Kultur gesehen werden. Nein, wir sind Kämpfer für eine bessere Zukunft.

Nur durch jahrelange Unterstützung – finanziell und geistig – konnten wir dieses Ziel erreichen. Wir sind ein Zeuge dafür, dass wir mit Geduld und Investitionen in unsere Ausbildung eine Veränderung bewirken können.“

Das sind die Früchte, die wir nach vielen Jahren der Geduld und kontinuierlicher Unterstützung ernten können. Wir wünschen unseren Absolventinnen alles Gute für ihr weiteres Leben und ihre berufliche Entwicklung.

Möchtest auch du dich engagieren? Unterstütze über ADRA junge Frauen in Kenia, die das gleiche Schicksal wie Eunice teilen. Schenke ihnen eine Zukunft und lass sie zu starken Botschaftern in ihre Kultur hinein wachsen, die diese Praxis beenden können. 

Referenzen zum Thema

(1) https://www.un.org/en/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/RES/67/146 

(2) https://www.unwomen.org/en/news/stories/2019/2/compilation-women-leading-the-movement-to-end-female-genital-mutilation

(3) https://www.un.org/en/observances/female-genital-mutilation-day