Corinna Wagner, von ADRA Österreich, erzählt …

„Indien – lange schon war ich gespannt auf diese Reise. Ein Land von dem ich viel gehört hatte, über eine Milliarde Menschen, große Kontraste zwischen Arm und Reich. 

Im Juli 2019 war es dann so weit. Ich landete in Chennai, einer Stadt mit 8-10 Millionen Einwohnern in der Agglomeration. In den letzten Monaten hatte die Stadt ernste Probleme, die Bewohner mit Trinkwasser zu versorgen, da ein Teil der großen Wasserreservoire trocken waren. Das Thema war auch bei meinem Besuch in aller Munde.

Every Child. Everywhere. In School. Dies ist das Anliegen und der Name einer weltweiten Kampagne von ADRA, die derzeit mit einer Petition angelaufen ist und ein ambitiöses Ziel hat: Jedes Kind. Überall. In der Schule. Dies ist auch das Anliegen unseres Projektes, das ich besuchen würde: Eine mobile Schule in einem zum Klassenzimmer umgebauten Bus, für Kinder, die nicht die Schule besuchen

Nach etwa 45 Minuten Fahrt außerhalb der Stadt, in der Region von Anna Nagar, erreichen wir ein größeres Dorf mit Markt. Bis hierher fährt der öffentliche Bus. Einige Kilometer weiter kommen wir in ein Dorf, in dem die weiterführende Schule gelegen ist, in welche die Kinder in unserem Projekt gehen sollten. Einige Häuser, ein Tempel, zwei Schulgebäude. Einige ältere Menschen, die in der brütenden, feuchten Hitze unter einem großen Baum im Dorfzentrum Schatten suchen. Und neben ihnen steht er – der gelbe Bus, den ADRA zu einer mobilen Schule umgebaut hat.

Der von ADRA zum Klassenzimmer umgebaute Schulbus.

Die Siedlungen anfahrend und jetzt gerade im Schatten stehend bietet er einen Klassenraum für bis zu 28 Kinder, Kinder im Alter von 11-14 Jahren, die aus den verschiedensten Gründen die Schule abgebrochen oder sie nie besucht haben. Sie kommen alle aus einer Siedlung, die noch einmal drei Kilometer weiter gelegen ist. Erreichbar über eine schmale Straße mit tiefem Graben und Gebüsch zu beiden Seiten, gesäumt durch einsame Felder und Lehmgruben, in denen Ziegel hergestellt werden. Wegen dieser Ziegel donnern schwere LKWs das Sträßchen entlang und jeder, der ihnen im Weg ist sollte besser den Weg freimachen. Denn sie haben den Ruf, nicht zu bremsen, wenn sie auf Fußgänger treffen. 

Besorgte Eltern lassen ihre Kinder auf dieser Straße nicht zur Schule gehen. Und das ist einer der Gründe, warum die meisten Kinder der Siedlung nach der unmittelbar in der Nachbarschaft gelegenen Volksschule die Schule abgebrochen haben. Ein zweiter Grund ist die Armut. Fast alle Familien in dieser Siedlung waren ehemals gebundene Arbeiter. Sie wurden vor 15-20 Jahren von der Regierung befreit und können sich nun frei bewegen, theoretisch auch frei entscheiden, wo und wann sie arbeiten. Aber in der Realität sind sie gefangen in einem Kreislauf von Geld borgen und Schulden abarbeiten, der ihr Leben bestimmt. Die meisten verlassen ihre Hütten morgens bereits um 4:30 Uhr, um auf den Feldern von Landbesitzern Jasminblüten zu ernten. Viele kommen erst gegen fünf Uhr am Abend zurück. Sie arbeiten einen ganzen Tag für 1,30 Euro Lohn. Zu wenig, um zu überleben. Daher müssen sich die Familien immer wieder verschulden. Arbeitet eines der Kinder mit auf dem Feld, verdient es denselben Betrag – also durchaus ein wichtiger Überlebensfaktor für die Familien.

Jasminfelder sind der Arbeitsort der meisten Familien im Dorf.

Dass es ihnen am nötigsten mangelt, sehe ich kurz nachdem ich die Kinder in unserer Schule sehe. Ich erwartete eine Gruppe von 11-14 jährigen Teenagern, habe aber den Eindruck, ich sitze in einer Volksschule. Die Kinder sind sehr klein und „zart“. Grund ist die Mangelernährung, unter der sie in ihrer Kindheit besonders leiden. Zu Beginn unseres Projekts kamen viele Kinder hungrig zur Schule. Kochen können die Familien 1x pro Tag am Abend. Frühstück gibt es nur, wenn es Reste vom Vortag gibt. ADRA organisierte Snacks zum Frühstück, aber mittlerweile sind wir dankbar, dass eine weitere Hilfsorganisation ein richtiges Frühstück für die Kinder vorbereitet und die Regierung stellt den Kindern jeden Mittag ein Mittagessen. Mit leerem Bauch studiert es sich nicht gut und das Essen ist eine große Motivation, in die Schule zu kommen bzw. für die Eltern, ihre Kinder in die Schule zu senden.

Die Sechstklässler bei Schreibaufgaben.

Über die Augen nehme ich Kontakt zu einem kleinen Mädchen auf, die in der ersten Reihe der mittleren Klasse sitzt. Sie hat ganz kurze Haare und ein sehr schüchternes Lächeln. Samia* heißt sie, wie ich später erfahre. Samia ist 12 Jahre alt. Auch sie hatte die Schule abgebrochen und besucht nun wieder – dank Ihrer Spenden – die Schule. 

Die Indische Regierung unternimmt große Anstrengungen, dass möglichst alle Kinder bis zur 8. Klasse die Pflichtschule besuchen. Mobilisiert die Dörfer. Aber in dieser Siedlung hatten sie keinen Erfolg. Fast kein Kind besuchte nach der 5. Klasse mehr die Schule. Sie waren  zunächst skeptisch gegenüber dem Vorschlag einer mobilen Schule eingestellt, aber wir suchten die Zusammenarbeit und mittlerweile hat sich die Skepsis in Unterstützung gewandelt. Innerhalb weniger Monate hatte das ADRA Team 58 Kinder in der mobilen Schule im Bus eingeschrieben. 10 weitere Kinder konnten genug lesen und schreiben und konnten direkt den Sprung in die öffentliche Schule im Ort bewältigen. Das Klassenzimmer im Bus war ein spannender Anziehungspunkt für die Kinder. Das Transportproblem der Kinder wurde gelöst und die Lehrer und Sozialarbeiter hatten intensiven Kontakt mit den Familien im Dorf, um die Eltern für den Schulbesuch ihrer Kinder zu motivieren. Die meisten von ihnen haben selber gar nicht oder nur wenige Jahre die Schule besucht.

Als ich ankomme, sitzen die Kinder in einem Klassenraum auf dem Gelände der öffentlichen Schule. Diese hat unserem Projekt den Raum gratis zur Verfügung gestellt. Zum einen für die heißen Stunden des Tages während der heißen Monate des Jahres, in denen es im Bus auch bei offenen Fenstern und im Schatten heiß wird. Zum anderen, um den Kindern später den Übergang in die öffentliche Schule zu erleichtern.

Es ist das Konzept der mobilen Schule, dass die Gründe erkundet werden, warum ein Kind nicht die Schule besucht, dass es in der mobilen Schule in kleinen Klassen verpassten Lehrstoff aufholen kann, eine Begeisterung für das Lernen entwickelt und insbesondere lesen, schreiben und rechnen lernt. Viele Kinder in der 5., 6. und 7. Klasse können kaum lesen. Sobald ein Kind eine bestimmte Lesekompetenz erreicht hat, kann es in die öffentliche Schule wechseln und dort dem Unterricht folgen. Dies ist das System in Indien. Die Regierung unterstützt uns dabei, indem sie jedem Kind, das unsere Schule besucht, eine staatliche Schülernummer gibt. Mit dieser Nummer kann es überall eine Schule besuchen, auch wenn die Eltern umziehen. Und es bekommt wie andere Schüler gratis eine Schuluniform gestellt, Mittagessen und ein kleines finanzielles Stipendium.

Auf der einen Seite des Klassenraums lesen die Achtklässler gerade englische Texte. In der Mitte malen die Sechstklässler das Alphabet und 1×1. Und hinten im Raum erhält die siebte Klasse gerade Unterricht in Naturwissenschaften.  Samia scheint im 1×1 schon ganz fit zu sein. Sie ist fertig und schaut zu mir rüber. 

Wenig später habe ich die Möglichkeit, mit den Kindern zu sprechen. Unser Projektkoordinator übersetzt für mich. Samia erzählt, dass sie zwei jüngere Geschwister hat. Sie liebt es, Bücher auf Tamil und zu Naturwissenschaften zu lesen. Sie möchte einmal Ärztin werden. Ich frage sie, wie ihr Alltag aussieht. Sie erzählt, dass ihre Eltern, wenn sie morgens aufwacht, bereits auf dem Feld arbeiten. So macht sie sich alleine fertig und hilft auch ihren Geschwistern. Eine Tante von ihr wohnt in der Nähe im Dorf, die auch ein bisschen nach ihnen schaut. Wenn sie am späteren Nachmittag aus der Schule kommt, übt sie noch ein bisschen das Alphabet, während sie auf ihre Eltern wartet und darauf, dass es bald Abendessen gibt. 

Am Nachmittag findet der Unterricht im Bus statt. Dieser ist mit einem Fernseher und Lautsprechern ausgestattet, so dass die Lehrer auch mal ein Video zu einem Thema zeigen können. Außerdem gibt es eine kleine Bibliothek und Sportgeräte für den Pausenhof. Wir beobachten die Kinder beim Lernen und später treffen wir sie beim Spielen an: Seilhüpfen, Federball, Fußball, Frisbee. Es ist für die Kinder das Highlight des Tages, wenn die Lehrer zusammen mit ihnen spielen.  

Da die Eltern bald von der Arbeit zurückkehren, fahren wir in das Dorf, in dem die Kinder leben. Es ist eine Ansammlung von sehr kleinen, niedrigen Hütten direkt neben einem breiten, derzeit ausgetrockneten Flussbett. Viele Hütten sind aus niedrigen Wellblechwänden gebaut, haben als Dach Palmblätter. Einige Hütten sind aus Lehm gebaut. Solch eine Hütte hält ungefähr 9 Monate, dann hat der Regen sie aufgeweicht und sie muss neu gebaut werden. Gibt es Hochwasser, verlieren die Familien alles. Nur wenige Familien haben eine Toilette, die meisten haben zum Waschen einen Platz neben der Hütte, der mit Stecken umgeben und einem einfachen Tuch als Sichtschutz umspannt ist. Dies ist das einfache Badezimmer der Familien. 

Die Regierung hat ihnen dieses Land zur Verfügung gestellt, nach dem die Familien von den Großgrundbesitzern befreit wurden. Sie dürfen dort leben, Hütten bauen, aber das Land nicht verkaufen. Und es ist zu klein, um irgendetwas anzubauen. Sie sind also darauf angewiesen, immer wieder eine Arbeit als Tagelöhner zu finden. Plötzlich winkt uns ein Mädchen zu, Samia. Wir sind gerade an der Hütte ihrer Familie vorbeigekommen. Sie posiert zusammen mit ihren zwei Geschwistern für ein Foto. Ihre Eltern sind noch nicht zurück von der Arbeit.

Gerade Mädchen wird häufig der Schulbesuch verwehrt. Und doch könnte er so viel bewirken. Untersuchungen belegen, dass es – wenn alle Mädchen und Frauen die weiterführende Schule abgeschlossen hätten –49% weniger Kindstote gäbe, 64% weniger Kinderehen und 59% Teenagerschwangerschaften. Eine Frau, die die Schule abgeschlossen hat, verdient durchschnittlich 45% mehr als eine Frau ohne Bildung. Der Schulbesuch verändert viel für Kinder! Und Sie können ihn Mädchen wie Samia weiterhin ermöglichen!

Ein paar Hütten weiter treffen wir eine junge Frau, Tara*. Auch ihr Sohn ist trotz seiner Gehörlosigkeit in die ADRA Mobile School integriert worden. Wir lassen uns von ihr berichten, wie ihr Tag auf den Jasminfeldern aussieht. Ihre Augen beginnen zu glänzen als sie erzählt, dass Mirza* ein guter Junge ist und oft schon das Haus aufgeräumt und den Platz darum gefegt hat, bis sie nach Hause kommt. 

Gowri und ihr Sohn

Ich darf einen kurzen Blick in Tara’s Hütte werfen. Gebückt trete ich durch den Eingang und meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit im Inneren. Ich blicke in einen kleinen, höchstens 9m2 großen Raum. Ein Teil ist durch eine Wand abgetrennt. Ich sehe eine kleine Kochstelle auf dem Erdboden, ein paar Töpfe und Reissäcke mit den Besitztümern der Familie. An einer Wand hängt ein Tuch als Hängesessel, die Familie schläft nachts auf dem Boden.

Als wir Tara fragen, was ihr Traum für ihre Kinder ist, sagt sie mit Tränen in den Augen. „Ich möchte, dass meine Kinder einmal andere Jobs haben können als wir haben, und nicht ständig Geld borgen müssen.“ 

Durch Ihre Spende bewirken Sie konkret etwas im Leben dieser Kinder. Sie ermöglichen Ihnen den Wiedereinstieg in die Schule. Wissbegierig saugen sie heute auf, was sie lernen. Sie haben Träume für ihre Zukunft, die nun realistischer werden.

Aber es gibt auch systemische Probleme. Herausforderungen, die Regierungen weltweit lösen müssen, damit jedes Kind sein Recht auf Bildung leben kann. Dies gilt besonders für Mädchen, Kinder mit einer Behinderung oder Flüchtlingskinder. Werden Sie mit uns gemeinsam durch Ihre Teilnahme an der Petition zum Fürsprecher, geben Sie vor den Verantwortlichen dieser Welt den Kindern eine Stimme, damit wir gemeinsam das Ziel erreichen: Every Child. Everywhere. In School. 

*Namen geändert