„Das kannst Du mir mitgeben, das bringen wir in die Säulengasse!“, seit einigen Jahren ist mir das Sozialzentrum von ADRA in der Säulengasse ein Begriff. Trotzdem habe ich es bisher nie geschafft selbst vorbei zu schauen. Diesen Sommer habe ich dann erfahren, dass Ferdinand Hartl, der Leiter des Sozialzentrums Aushilfe in der Kleiderkammer braucht.

Als ich um kurz vor 9.00 Uhr vor Ort eintreffe öffnet mit Ferdinand bereits die Tür. Er wirkt gestresst: „Ich bin grad noch am Einschlichten und versuche unsere Eskapade von gestern unterzubringen!“ Er führt mich in die Küche und zeigt stolz auf den Tresen. „150 Gläser Marmelade haben wir gestern eingekocht. Damit kommen wir jetzt wieder bis zum nächsten Sommer aus.“

Wenig später trifft Ruth ein, sie ist jeden Dienstag in der Kleiderkammer und für heute meine Ansprechpartnerin. Vor der Türe wartet schon ein Mann. Ruth sperrt ihm auf und bittet ihn hinein. Es ist ein älterer Herr, auf den ersten Blick sieht er sehr gepflegt aus. Auf den zweiten auch. Ruth kennt ihn. „Ich suche einen Anzug.“ Während Ruth seine Daten aufnimmt suchen der Herr und ich gemeinsam nach einem passenden Anzug für ihn und werden schnell fündig. Außerdem finden wir noch ein Hemd und Unterwäsche.

Als der Mann die Kleiderkammer verlässt warten bereits zwei junge Männer im Vorraum. Wir bitten den ersten hinein. Er spricht kaum Deutsch und wirkt sehr gehemmt. Ich frage ihn was er braucht. „Einmal alles.“ Sagt er mit einem leicht geknickten Schulterzucken und zeigt mit seinen Händen auf seine mehr als ausgelatschten Schuhe. Wir lachen beide, denn es ist mehr als offensichtlich, dass dieses Paar seine besten Tage längst hinter sich hat. Aber als ich mir den jungen Mann dann noch einmal genauer ansehe wird mir schnell klar, dass es schwer sein wird etwas Passendes für ihn zu finden. Er ist gut 1,95 m groß und seine Füße verlangen nach einer dementsprechenden Schuhgröße. Glücklich krame ich aus den 10 Paar Schuhen, die wir momentan zur Verfügung haben Sportschuhe in Größe 46 hervor, doch selbst die sind zwei Nummern zu klein. Etwas geknickt hält er die Sohle an und man kann seinem Gedankengang offensichtlich folgen. Hauptsache neue Schuhe, wenn auch viel zu schmal und viel zu klein. „Hose?“ Mir schwant Böses. Wir suchen uns durch drei Kisten mit Hosen und können keine passende für ihn finden. Auch die Suche nach einer Jacke oder einem Pullover bleibt erfolglos. Lediglich ein T-Shirt und eine Unterhose packe ich ihm ein – ernüchternd. Ich entschuldige mich bei ihm, er tut mir wirklich Leid. Doch er scheint es nicht halb so schwer zu nehmen wie ich, meint es sei kein Problem. Er freut sich über seine neuen Sachen, bedankt sich und geht.

Gleich kommt sein Freund herein. Ich erkenne ihn wieder. Er hatte mir heute Morgen in der U-Bahn-Station mit einem freundlichen Lächeln den Vortritt gelassen. Er scheint nur ein wenig älter zu sein als ich. Auch er deutet auf seinen gesamten Körper: „Ich brauche alles.“ Ähnlich wie sein Freund misst der junge Mann gute 1,95 m und ich versuche ihn schon darauf vorzubereiten, dass wir vermutlich nichts finden werden. Dennoch versuche ich mein Bestes. Bei den ganzen unpassenden und zu kleinen Kleidungsstücken lachen wir unheimlich viel zusammen. Ich merke schnell, dass er aus Ungarn ist und versuche so mit meinem ungarischen Wortschatz, der aus rund 20 Wörtern besteht zu punkten. Es funktioniert, er freut sich riesig und will auf ungarisch weitersprechen, diese Euphorie musste ich dann leider doch stoppen. Mit einem Paar Socken, Unterwäsche, einem T-Shirt und einer viel zu kurzen Hose verlässt er gut gelaunt die Kleiderkammer und ich ertappe mich bei dem Gedanken, wie sehr ich mich freuen würde ihn bald wiederzusehen.

Nach einer kurzen Pause trifft der nächste Mann ein. Er stellt sich uns vor und hat offensichtlich starken Redebedarf. „Entschuldigen Sie mein Deutsch, ich bin aus Polen. Ich lebe unter der Brücke und ich suche dringend Arbeit. Ich bin gelernter Koch und ich möchte arbeiten und brauche dafür schöne Kleidung.“ Gemeinsam suchen wir ihm ein sehr adrettes Outfit zusammen, er gefällt sich darin und ist stolz auf das kleine Markenlabel auf seinem neuen weißen Hemd. Er strahlt über das ganze Gesicht und man merkt wie sehr er es genießt mit uns zu sprechen. „Ich muss Deutsch lernen, ich muss sprechen. Mein Deutsch ist noch nicht gut genug.“ Ich bin sehr angetan von seinem Ehrgeiz und hoffe, dass er ihn weiterhin behält. Nicht mal ansatzweise kann ich mir vorstellen, was es für einen eisernen Willen braucht eine Fremdsprache zu lernen und Arbeit zu finden, wenn man unter der Brücke lebt. Stolz zieht er sich seine neuen Sachen an und wünscht uns „Alles Gute!“. Paradox oder beispielgebend?

Astrid Aschenbrenner