Aufbau von Katastrophenrisikomanagement nach dem Erdbeben in Nepal

Früh am Morgen fahren wir von Kathmandu nach Banepa, wo wir unsere lokalen Projektpartner treffen und den Tag besprechen. Gemeinsam fahren wir in die Shree Gorakhnath Volksschule, um dort im Gespräch mit den Schülern und Lehrern zu erfahren, was ADRAs Projekt in den vergangenen eineinhalb Jahren bewirkt hat. Hier im Erdbebengebiet hat ADRA ein Projekt durchgeführt, um die Menschen durch Ausbildung in Risikomanagement vor den Auswirkungen von Katastrophen zu schützen.

Katastrophenrisikomanagement.

Ein wichtiges Thema in Nepal nach den Erdbeben im Jahr 2015. Das schwere Erdbeben passierte an einem Samstag, als alle Schulen geschlossen waren. Viele Schulen wurden durch die Erdstöße zerstört. Hätte das Erdbeben die Region an einem Wochentag getroffen, wären vermutlich viel mehr Kinder ums Leben gekommen. Aber es sind nicht nur Großkatastrophen wie Erdbeben. Oft sind es „alltäglichere“ Gefahren wie der Monsunregen, Erdrutsche, Feuer und Verkehrsunfälle, die Todesopfer fordern, weil die Menschen nicht wissen, wie sie darauf reagieren oder sich davor schützen können.

Ich sitze im Klassenzimmer der Volksschule und beobachte unsere Mitarbeiter, während diese mit den Kindern sprechen. Auch ich frage die Kinder, was ihre größte Herausforderung auf dem Schulweg sei. Sie erzählen mir, dass sie Angst vor Straßenhunden haben, vor wilden Tieren und den vom Schlamm rutschigen Straßen. Als ein Kind die wilden Tiere erwähnt, bin ich neugierig und frage nach, „Was sind das für Tiere?“. Die Kinder erzählen mir, dass es hier Leoparden und Tiger gibt. Die Region ist umgeben von Wäldern, in denen diese Tiere leben und oft kommen sie in die Nähe der Siedlungen um Ziegen oder andere Haustiere zu jagen. Ein wenig später erzählt mir eine Lehrerin mehr. Erst vor kurzem näherte sich eine Leopardin mit ihrem Jungen dem Dorf und sie fühlten sich alle sehr unsicher. Sie hatten kein Gewehr im Dorf, so umzingelten sie die Leopardin. Die Mutter flüchtete, aber die Dorfbewohner töteten das Junge. Später hatten sie noch mehr Schwierigkeiten, denn die Leopardin kam zurück, um Revanche zu üben. Mit einem Startfond aus ADRAs Projekt bauten die Dorfbewohner einen Zaun rund um die Schule, um ihre Kinder zumindest in der Schule zu schützen, denn Leoparden kommen fast täglich in die Nähe der Schule. Die Menschen im Dorf verlassen das Dorf nie alleine und Kinder bleiben immer in Gruppen zusammen.

Nachdem ich noch eine Weile mit den Kindern gesprochen habe, gehe ich mit meinem nepalesischen Kollegen Bimal in den ersten Stock, wo Vertreter des Schul-Managementkomitees und Eltern versammelt sind. Auch sie wollen wir zu den Ergebnissen des Projekts befragen. Bimal übersetzt für mich die Geschichten, die die Gruppe erzählte. Eine der Lehrerinnen, Frau Bastola, erzählte uns von einer Erfahrung, die sie wenige Monate zuvor gemacht hat. An einem Morgen kamen die Kinder zur Schule und einer der Burschen wurde von einem Motorrad angefahren. Sein linker Arm war gebrochen. Frau Bastola hatte zu Beginn des Projekts einen Erste-Hilfe-Kurs besucht und die Schule hatte ein Erste-Hilfe-Set erhalten. So richtete sie mutig den gebrochenen Arm, legte mit Hilfe der anderen Lehrer eine Schiene an und bandagierte den Arm. Einer der Lehrer fuhr den Burschen mit seinem Motorrad in die nächste Klinik. Als der Doktor den Jungen sah, war er sehr überrascht über die Erstversorgung und lobte die gute Arbeit der Lehrer.

Alle im Raum sind enthusiastisch über das Projekt und das Wissen, das ihnen in den letzten 1 ½ Jahren vermittelt wurde. Eine Lehrerin erzählt, dass sie davor konstant verschiedenen Gefahren im Alltag ausgesetzt waren und immer wieder böse überrascht wurden. Dann waren sie überwältigt und wussten nicht, was zu tun war. Heute sind sie sich nicht nur der Gefahren von Erdbeben, Erdrutschen und Waldbränden bewusst. Sie wissen auch, wie sie bei ganz alltäglichen Gefahren wie Gewitter und Blitzen, Verkehrsunfällen oder einem Feuer in der Küche reagieren müssen. Sie wissen, wie sie mit eigenen Mitteln solche Gefahren verhindern und wie sie im Notfall aktiv werden müssen. Dadurch fühlen sie sich heute viel sicherer und gestärkt – sie gehen den Alltag mit all dem neuen Wissen beruhigter an.

Der Schuldirektor erzählt uns, dass heute jeder neue Lehrer, der an der Schule zu arbeiten beginnt, alle relevanten Katastrophenrisikomanagement-Lektionen lernen und einen Test bestehen muss, bevor er angestellt wird. Katastrophenrisikomanagement ist ein Teil des Lehrplans geworden und die Kinder lernen die Themen täglich. Die Lehrer möchten ihre Schule zu einem positiven Beispiel in der Region machen. Heute hat die Schule ihre eigenen Schutzvorrichtungen und Pläne und das Leitungsteam hat Prioritäten definiert, um die Schule zu einem sichereren Ort zu machen. Um diese Prioritäten umzusetzen, werden sie auch finanzielle Mittel erhalten.

Auf dem Heimweg nach Kathmandu regnet es in Strömen. Es ist Monsunzeit. Wir diskutieren im Auto die Geschichten, die wir von den Menschen gehört haben, die hoch in den Hügeln leben. Neben mir sitzt ein Mitarbeiter, der in der Region lebt. Er erzählt, dass in diesem Jahr bereits 3 Menschen in Gewittern durch Blitzschlag gestorben sind. Er lehrt die Familien auch, wie sie einfache Blitzableiter an ihren Hütten installieren können, um diese zu einem sicheren Ort zu machen.

Marcel Wagner, leitete den Beginn der Projektevaluierung im September 2018 in Nepal.