Im September hat Michael Peach, der in der Region Südpazifik für ADRA arbeitet, 2 Wochen in Bangladesch verbracht. Dort leitete er ADRAs Nothilfeteam für die gerade eintreffenden Rohingya Flüchtlinge. Wir haben ihn zu seinen Eindrücken und Erlebnissen befragt.

Während du in Bangladesch warst, wie sah dein typischer Tag aus?

5.30 Uhr: Aufstehen und Vorbereiten für eine Skype-Konferenz mit dem regionalen Nothilfekoordinator von ADRA um 6 Uhr. Dabei ging es um Ressourcen, Planung, Mitarbeiter, Kontakt zu Geldgebern, Logistik etc.

7:00 Uhr: Schnelles Frühstück im Hotel.

7:30 Uhr: Entweder Abfahrt zu den Rohingya Flüchtlingscamps oder Treffen mit dem Team zur Andacht im Büro. Die Fahrt zu den Camps braucht 2 ½ Stunden. Es war nicht weit (75km), aber die Straßen sind schmal und verstopft, weil viel Hilfe gleichzeitig in eine kleine Region gebracht werden muss.

9:00 Uhr: Treffen mit anderen Hilfsorganisationen oder der lokalen Regierung für bis zu 3 Stunden.

12:30 Uhr: Der Rest meines Tages war damit angefüllt, mein Team zu unterstützen, zweimal pro Woche die Updates für das ADRA Netzwerk vorzubereiten, Überarbeiten von Projektanträgen, Budgets (und viele Budgetanpassungen), oder das Antworten auf E-Mails. Wann immer jemand aus den Camps oder von einem Koordinationstreffen der Hilfsorganisationen zurückkam, gab es ein Briefing für uns.

19:00 Uhr: gemeinsames Abendessen, bevor dann jeder für sich war. Meistens bedeutete das für mich noch bis Mitternacht zu arbeiten, aber ich habe mir die Regel gesetzt, jede Nacht 6 Stunden zu schlafen. Es gab einfach so viel Administratives zu regeln.

Was war das Schwierigste?

Am härtesten ist das „stellvertretende Trauma“, das du erlebst, wenn du die Flüchtlingscamps besuchst und die Geschichten der Flüchtlinge hörst. Es ist schwierig, das Ausmaß und die Tragödie dieses zivilen Konflikts zu verarbeiten. Mehr als 500.000 Rohingya haben die Grenze von Myanmar nach Bangladesch überquert. Sie lassen sich in Camps nieder, die nicht wirklich dazu ausgestattet sind, den Menschen ausreichend Nahrung, Unterkunft, Wasser und Hygiene zu bieten. Die Camp Bevölkerung wächst so schnell. Diese erzwungene Fluchtsituation ist extrem komplex, schwelt schon seit vielen Jahren und es sieht nicht so aus, als würde sie sich allzu bald lösen. Es ist schwer, damit umzugehen. Ich habe bei vielen Naturkatastrophen geholfen. Und während diese traumatisch sind, entwickeln sie sich positiv in eine Stabilisierungsphase (Nahrung, Wasser, Unterkünfte), dann früher Wiederaufbau und langfristiger Wiederaufbau. Von Menschen hervorgerufene Katastrophen sind leider komplexer und oft bleiben die Menschen in einer langwierigen Stabilisierungsphase „stecken“. Mit begrenzt verfügbarem Land, Zugang zu Kapital und Sicherheit für ihre Haushalte werden die Rohingya Probleme haben, den Übergang zur Stärkung ihrer Siedlungen und zur Unabhängigkeit zu schaffen.

Woran wirst du dich in 20 Jahren erinnern, wenn du an diesen Einsatz zurückdenkst?

Was in meinem Kopf eingebrannt ist, ist das Ausmaß der Situation: Sowohl die Anzahl der Menschen als auch die Größe der Camps, besonders das Rohingya Mega-Camp in Kutapalong. Das nimmt dir sprichwörtlich den Atem. Wenn du zuerst ankommst und etwas erhöht stehst, kannst du dir einen 360°Grad Überblick verschaffen und man muss es sehen um es zu glauben. So weit wie du in alle Richtungen schauen kannst, gibt es einfach so viele Menschen, die komplett abgeholzten Waldflächen, die vollgepackt sind mit farbigen Plastikplanen (Notunterkünfte)

Kannst du eine Geschichte mit uns teilen, die dich besonders bewegt hat?

Ich habe eine Rohingya Frau getroffen, die mir erzählte, dass sie von ihrem Teenager-Sohn seit einem Monat nichts mehr gehört habe. Eines nachts, erzählte sie, umgaben Soldaten ihr Dorf und befahlen, dass alle erstgeborenen Söhne ausgesendet werden müssen um zu kämpfen. Sie sagte, dass ihr Sohn ging mit nichts als bloßen Händen und sie hat seither nichts mehr von ihm gehört. Später in dieser Nacht, erzählte die Frau, wurde ihr Dorf bis auf den Grund abgebrannt. Sie flohen alle zur Grenze und überquerten sie in die Sicherheit. Sie nimmt an, dass ihr Sohn tot ist, aber hat immer noch Hoffnung, da sie in dieser Nacht keine Pistolenschüsse hörte. Da ich selbst Vater eines Teenagers bin, hat mich dieses Schicksal sehr bewegt.

Michael Peach ist der ADRA Nothilfekoordinator für die Region Südpazifik.